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Washington D.C.
von Callisto


Charaktere: Chase, Angela, Erin, Tony, Chloe, Michelle, Kim (Jack wird gelegentlich erwähnt!)
Genre: Drama
Handlung: Nach den Ereignissen von Staffel 4 kehrt Chase nach Washington zurück, um dort einen neuen Anfang zu wagen, macht eine Entdeckung und gerät in Schwierigkeiten. Angesiedelt vor und nach der kurzen Szene, die zwischen Staffel4 und 5 in Chicago spielt! Spoiler?
Rating: R
Word Count: 12619
Anmerkungen: gehört alles 24, kein Geld, etc. ....
Warnungen: winzige Spoiler für Staffel 5!  Sprache, Gewalt gegen Ende!

Die Tür war mit einem scharfen, endgültigen Laut, der keinen Zweifel daran ließ, dass dieser Teil ihres Lebens ein für alle Mal der Vergangenheit angehören würde, hinter ihnen zugefallen. Sie biss sich auf die Lippen, ballte die Fäuste bis es weh tat, um nicht dem Drang nachzugeben die Tür wieder aufzureißen, hinauszustürmen, sich an ihn zu klammern und ihn anzuflehen, sie nicht zu verlassen. Oder das kleine Mädchen aus seinem Kindersitz zu befreien, zu umschlingen, festzuhalten und nicht wieder loszulassen. Sie wollte ihn anschreien, ihn ohrfeigen, ihm auf jede erdenkliche Art klar machen, dass er kein Recht hatte, dieses Kind mit sich zu nehmen, auch ihr Leben zu zerstören.

Aber es war zu spät! Alle Schreie waren bereits ausgestoßen worden, alle Versuche ihn zu überzeugen, ihn mit Gewalt, mit Sanftheit, mit Argumenten an sich zu binden, fehlgeschlagen.

Er hatte es nicht gesehen, hatte es nicht verstehen können, dass er die Geschichte wiederholte, dass er Angela zu dem Schicksal verurteilte, das auch ihr mit in die Wiege gelegt worden war.

Sie wusste, was es bedeutete so leben zu müssen. Es hatte keine Bedeutung, wie sehr ihr Vater und auch ihre Mutter sich bemüht hatten, sie zu beschützen, zu behüten. Die Angst, die Unsicherheit, die Gefahr waren doch ihre ständigen, wenn auch, zumindest in den ersten Lebensjahren, niemals bewusst wahrgenommene Begleiter gewesen. Und später, nachdem sie  die Geister, die ihr überallhin folgten, erkannt hatte, waren sie ihr normal erschienen, zu einer Gewohnheit geworden,  und sie hatte lange gebraucht um zu erkennen, dass dies nicht die Norm war. Dass nicht jeder Vater sich auf der ständigen Suche nach dem Tod befand, dass es nur ihr Vater war, der das Leben nicht ertragen konnte, und deshalb alles um sich herum früher oder später ins Verderben stürzte.

Natürlich waren ihr von Anfang an die Parallelen zwischen den beiden aufgefallen, sie waren sich ähnlich in ihrem Verhalten, in ihrer Art an die Dinge heranzugehen, in ihrer Kompromisslosigkeit und der Rücksichtslosigkeit, vor allem sich selbst gegenüber.

Aber es war doch Chase, er hatte sie geliebt, hatte sich eine Zukunft gewünscht, hatte vorgehabt, alles für sie und Angela zu ändern. Er hatte doch verstanden, was ihr Vater ihr angetan hatte, versprochen, dass er alles anders machen würde, dass er ein anderes Leben führen wollte.

Doch dann war die Nachricht von Jacks Tod eingetroffen, und sie war mit einem Mal allein gewesen. Nicht genug, dass ihr Vater sie verlassen hatte, auch Chase war ein anderer geworden. Er hatte nicht darüber gesprochen, er hatte versucht sie zu trösten, ihr eine Stütze zu sein, aber sie hatte es gefühlt. Es war eine ständige Unruhe um ihn, eine Elektrizität, die sich nach einer Möglichkeit sehnte entladen zu werden, eine kaum zu ertragende Anspannung.

Ein Gefühl, das sie kannte, und das sie sich geschworen hatte, nie wieder ertragen zu müssen.  Sie hatten nächtelang gestritten. Er hatte es bestritten, hatte ihr geschworen, dass er zufrieden mit dem war, das er hatte, aber er war unfähig gewesen, ihr auf Dauer etwas vorzumachen.

Sie hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass weder für sie, noch für Angela so ein Leben in Frage kommen würde, doch am Ende hatte auch das nicht ausgereicht. Angela war ihr genommen worden, ebenso wie Chase, der nicht mehr Chase war, sondern von dessen Seele ein anderer Besitz ergriffen hatte, jemand, dem sie sich nie wieder hatte anvertrauen wollen.

Und doch fragte sie sich manchmal, ob ihre Wahrnehmung ihr nicht doch einen Streich spielte, ob Chase nicht schon immer ein Ebenbild ihres Vaters gewesen war, ob sie sich vielleicht nur deshalb für ihn entschieden hatte, und was das für sie bedeuten würde.

Und endlich, als das Geräusch des startenden Motors zu ihr drang, an Intensität zunahm, bis es beinahe nicht mehr zu ertragen war, und dann in der Ferne verebbte... , endlich konnten die Tränen fließen, konnte Kim Abschied nehmen von dem, was gewesen war, und von dem, was hätte sein können.  

* * *  

“Endlich , ihr habt es geschafft.”

Lachend fiel Charlotte ihm um den Hals, kaum, dass er die Autotür geöffnet hatte. Erleichtert erwiderte er die herzliche Begrüßung.

“Und es macht dir wirklich nichts aus.”

“Natürlich nicht, ich bin doch froh, wenn ich dich mal für eine Weile bei mir habe. Das kommt doch ohnehin viel zu selten vor.”

Sie löste sich von ihm und beugte sich mit einem Laut des Entzückens zu Angela hinunter.

“Oh mein Gott, da ist ja der kleine Engel! Chase, sie ist einfach hinreißend.”

Strahlend blickte sie auf. “Es ist einfach zu schön Tante zu sein. Lass dir ja nicht einfallen, wieder so lange Zeit zu warten, bis du sie mir vorbeibringst,” setzte sie mit einem strafenden Blick hinzu.

“Das werde ich nicht wagen, Tante Charly,” grinste er amüsiert, bis sein Blick auf den dezent gekleideten Mann mit den grauen Schläfen fiel, der sich rücksichtsvoll im Hintergrund hielt.

“Ach Chase! Endlich kann ich dir meinen Mann vorstellen.”

“Colin!” Chase ging mit ausgestreckter Hand auf seinen Schwager zu, während Charlotte die friedlich dösende Angela aus ihrem Sitz schälte. “Es tut mir leid, dass ich bei der Hochzeit nicht dabei sein konnte.”

“Keine Sache,” ging Colin auf die warmen Worte ein. Wir haben ohnehin keine Umstände gewünscht, und uns so kennen zu lernen, ist doch viel angenehmer.”

Chase nickte erleichtert.

“Es soll auch wirklich nur für die erste Zeit sein, bis alles mit dem Job geregelt ist und ich Wohnung und Kinderbetreuung organisiert habe.”

“Mach dir da mal keine Gedanken. So schnell wirst du Charlotte nicht von ihrer Nichte trennen können.”

“Scheint mir auch so,” grinste Chase. “Es ist schön für Angela jemanden zu haben.” Ein Schatten zog über sein Gesicht, aber Chase gelang es ihn verscheuchen, noch bevor er sich über ihn senken und ihn von dem Rest der Welt abschneiden konnte.

Colin nickte ihm freundlich zu und musterte ihn für einen kurzen Augenblick aufmerksam mit seinem auffallend hellblauen Augen, die einen interessanten Gegensatz zu seinem leicht gebräunten Teint bildeten.

“Und, wie fühlt es sich an wieder in D.C. zu sein?”

Chase zuckte mit den Schultern und machte Anstalten den Kofferraum zu öffnen.

“Ganz ehrlich?” meinte er dann, und hielt in der Bewegung inne.

“Es ist seltsam... fremd! Als wäre ich ein anderer geworden.” Er lächelte unsicher. “Ich glaube nicht, dass sich die Stadt in der letzten Zeit so radikal verändert haben wird.”

“Sag das nicht,” erwiderte Colin verständnisvoll. “Aber ich kann mir vorstellen, wie all das auf dich wirkt. Nach all dem, was du in den letzten Jahren erlebt hast... “. Er verstummte, während sein Blick auf Chases Handgelenk fiel, die Narbe deutlich auf der blassen Haut zu erkennen. Unwillkürlich schüttelte Chase seinen Arm, ließ den Ärmel des Hemdes die ständige Erinnerung an Geschehnisse bedecken, die einerseits seit einer Ewigkeit vergangen zu sein schienen, sich andererseits jedoch mit Gewalt in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, und von denen er wusste, dass er sie nie würde abschütteln können, ganz egal wie sehr er sich auch darum bemühte.

Colin bemerkte sein Unwohlsein und bemühte sich Schwung und Initiative in seine Stimme zu legen.

“Ich übernehme das Gepäck. Seht ihr zwei mal zu, dass Angela sich hier wohl fühlt.”

Er lächelte freundlich und wies nachlässig in Richtung des eleganten, wenn auch nicht zu großen Hauses, das buchstäblich darauf wartete, eine große Familie zu beherbergen.

Das würde einfacher laufen, als er es sich hätte erträumen können. Zufrieden ergriff er die Koffer und folgte den Geschwistern zu der einladend offen stehenden Tür.  

* * *  

Chase lenkte seinen Wagen vorsichtig aus der schmalen Ausfahrt, die von sorgfältig geschnittenen Hecken begrenzt wurde, stoppte ein letztes Mal, um Angela, die zufrieden auf Charlottes Arm saß, zuzuwinken, und reihte sich schließlich in die Kolonne der Autos, die ihren Weg in das Zentrum der Hauptstadt nahmen, ein. Der erste Tag in seinem neuen Büro lag vor ihm. Ärgerlich schnalzte er mit der Zunge. Natürlich hätte er nichts anderes erwarten dürfen, aber dennoch kam es ihm wie eine Zurücksetzung vor. Er war nun einmal nicht der Typ, der sich hinter dem Computer versteckte und andere die Arbeit machen ließ. Selbstverständlich hatten sie wieder seine Verletzung ins Spiel gebracht, und er konnte nicht leugnen, dass sie ihm immer noch, zumindest hin und wieder, Beschwerden bereitete. Aber im großen und ganzen funktionierte sie einwandfrei, und er war sich sicher, dass sie ihn auch im Einsatz niemals im Stich lassen würde. Prüfend betrachtete er die Narbe, die sich über das Gelenk zog, während er das Steuer leicht bewegte, um auf eine Nebenspur zu gelangen. Sie sah mit Sicherheit scheußlich aus, wenn man den Anblick nicht gewohnt war, so wie er oder Angela.. Charlotte und Colin hatten sich vielleicht bemüht höflich darüber hinweg zu sehen, aber er hatte ihre Blicke dennoch bemerkt. Auch Kim hatte sich immer daran gestört, sie hätte es niemals zugegeben, aber allein, wie sie darauf bestanden hatte, dass er lange Ärmel trug, und diese gegebenenfalls sorgfältig zurecht zupfte, bevor sie ein Gebäude betreten hatten, war deutlich genug gewesen.

Er seufzte, und schob den Gedanken an sie beiseite. Ganz anders war da Jack gewesen. Obwohl er, weiß Gott, selbst genug Probleme am Hals gehabt hatte, war er doch regelmäßig, zuerst im Krankenhaus, und dann bei ihnen zuhause zu Besuch gewesen, hatte sich erkundigt, Meinungen von Ärzten eingeholt, und ihm von Anfang an in dem Bemühen beigestanden, seine motorischen Fähigkeiten so gut wie möglich herzustellen. Sicher war das Schuldgefühl auch ein Grund für sein Verhalten gewesen. Chase grinste in sich hinein. Darin, sich schuldig zu fühlen, war Jack ohne Zweifel ein Meister. Aber in anderen Dingen ebenfalls. Das musste er zugeben. In der kurzen Zeit, in der sie als Team gearbeitet hatten, war er über sich hinausgewachsen, und das hatte nicht nur mit diesem einen, folgenschweren Tag zu tun, nach dem sich alles von Grund auf verändert hatte. Trotz seiner Fehler und Unzulänglichkeiten, trotz seines manchmal fragwürdigen Verhaltens, war Jack ihm ein Vorbild geworden, ein Vorbild dessen er sich würdig zu erweisen wünschte. Erst nachdem Jack sie verlassen hatte, war ihm dieser Wunsch in seiner ganzen Tragweite bewusst geworden, war es ihm endgültig klar geworden, dass er sein Leben, so wie es war, nicht mehr würde ertragen können.

Es war gekommen, wie Jack es ihm  im ersten Augenblick prophezeit hatte, er hatte alles hingeworfen, was das Schicksal ihm großzügig geschenkt hatte, eine Familie, ein Haus, ein ruhiges, friedliches Leben. Und das nur für die ungewisse Chance, eines Tages wieder im Einsatz sein zu können, diesen Kick wieder zu erleben, den Adrenalinstoß, der das größte Unglück heraufbeschwören konnte, aber gleichzeitig auf Lebenszeit süchtig machte.  

* * *  

Charlotte setzte Angela behutsam in den Laufstall, den sie unmittelbar nach Chases Anruf besorgt hatte, richtete ihr die bunten Kissen, Stofftiere und die Bauklötze, so dass die Kleine nur noch die Qual der Wahl zu haben brauchte. Angela gluckste vergnügt und schnappte sich einen Plüschhasen, den sie schon am Tag zuvor in ihr Herz geschlossen hatte. Erleichtert setzte sich Charlotte neben sie auf den Teppich und streckte seufzend die Beine aus. Vielleicht war das Mädchen wirklich schon zu groß für einen Laufstall, wie Colin wiederholt kritisch bemerkt hatte, aber sie hatte nicht vor, mit dem Kind irgendein Risiko einzugehen, solange es in ihrer Obhut sein würde.

“Keine Sorge, Angela,” sagte sie mehr zu sich, als zu dem Mädchen und ließ den Blick prüfend umherschweifen. “Sobald ich das Haus bis in den letzten Winkel kindersicher gemacht habe, kannst du auf Entdeckungsreise gehen.”

Sie lächelte bei dem Gedanken an die vielen Dinge, die sie vorsichtshalber schon besorgt, und  vor ihrem Mann bislang noch wohlweislich versteckt hatte. Wenn er zur Arbeit gegangen wäre, würde sie die Gelegenheit haben, die Treppengitter anzuschrauben, Ecken, Kanten und die Steckdosen zu sichern. Die spöttischen Bemerkungen Colins am Abend würde sie leicht mit einem Glas Wein  besänftigen können. Ihr Lächeln weitete sich zu einem befreiten Grinsen. Was für ein Glück sie doch mit diesem Mann hatte, ein Glück, von dem sie schon seit langem nicht mehr gewagt hatte zu träumen. Und sie wusste, wie sie ihn zu nehmen hatte, er war, wenn sie es richtig anstellte, Wachs in ihren Händen.

Genau in diesem Moment kam er die Treppe hinunter, wie jeden Morgen perfekt mit  Anzug und Aktentasche, und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. 

“Lass mich dir helfen,” flüsterte sie in sein Ohr und richtete ihm die Krawatte, die er, ohne sie, nicht in der Lage zu sein schien, richtig zu binden.

“Danke Liebling,” murmelte er und setzte mit einem Blick auf Angela hinzu: “Ich freue mich so, dass du sie bei dir hast. Habt einen schönen Tag, meine Damen!” Er küsste sie noch einmal, und mit einem Mal war das Haus wieder still.

Angela sah ihm mit großen Augen hinterher, blieb aber unbeweglich sitzen.

Es war wirklich schön sie hier zu haben.

Schon lange Zeit vor ihrer Begegnung mit Colin, kaum zu glauben, dass dieser Tag erst wenige Monate her sein sollte,  hatte sie gewusst, dass sie keine Kinder bekommen konnte, und sich letztlich auch damit abgefunden. Aber das kleine Mädchen hier zu haben, brachte eine Unmenge Erinnerungen wieder hervor, die sie für immer verschüttet geglaubt hatte.

Denn eigentlich war sie es gewesen, die Chase aufgezogen hatte, zumindest war es in der Regel in ihren Aufgabenbereich gefallen, auf ihn aufzupassen, ihn zu füttern oder zu baden, später dann in die Schule oder zu Verabredungen zu bringen. Ihr Vater war praktisch nie zu Hause gewesen, und ihre Mutter hatte sich mit Tabletten und Alkohol darüber hinweg getröstet, weshalb es an Charlotte gewesen war, die Elternrolle zu übernehmen. Sie schüttelte den Kopf bei dem Gedanken daran, wie viel sich seit dem verändert hatte. Oder es lag daran, dass sie älter und ängstlicher geworden war. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, dass es für Chase Gitter an Herd oder Treppe gegeben hatte, ganz zu schweigen davon, dass man daran gedacht hätte, Reinigungsmittel oder scharfe Gegenstände aus dem Weg zu räumen. Eigentlich war es ein Wunder, dass er seine Kindheit überlebt hatte. Sie hatte damals sicher nicht jeden seiner Schritte überwacht, hatte als Teenager genügend andere Dinge im Kopf gehabt.

Sie strich sich das rotbraun getönte Haar aus der Stirn und versuchte dadurch die Unsicherheit zu vertreiben, die sie wie ein Windstoß zu erschüttern drohte. Was für ein Unsinn! Sie würde dafür sorgen, dass auch diesem Kind nichts passierte, immerhin ging es um ihre Nichte, und sie würde es niemals zulassen, dass ihr etwas zustieße.   

* * *  

“So, Mr. Edmunds, dann hätten wir fürs erste alles geklärt. Schön, dass Sie unser Team verstärken wollen.” Der große, dunkelhäutige Mann lächelte Chase freundlich an und trat hinter seinem Schreibtisch, inmitten des großzügen, elegant eingerichteten Büros, hervor.

“Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an Ihre direkte Vorgesetzte, die ich ihnen jetzt vorstellen werde.” Mr. Wayans warf noch einen Blick in die vor ihm ausgebreitete Akte und zog die Augenbrauen hoch. “Sie sind sich eventuell schon einmal über den Weg gelaufen. Ich sehe gerade, dass Sie, ebenso wie Mrs. Driscoll in der CTU Los Angeles tätig gewesen sind. Was für ein Zufall!” Er schüttelte ungläubig den Kopf, und führte Chase in eines der angrenzenden Großraumbüros. Noch bevor dieser etwas erwidern konnte, ergriff der Leiter der Geheimdienstabteilung wieder das Wort.

“Mrs. Driscoll. Ich bringe Ihnen hier Mr. Edmunds, dem Sie möglicherweise schon während seiner Tätigkeit als Field Agent in L.A. begegnet sind.”

Eine streng aussehende Frau mit dunklen Haaren, durch die sich vereinzelt graue Strähnen zogen, ohne ihr Erscheinungsbild weicher wirken zu lassen, reichte ihm kurz die Hand.

“Ich übernahm die Leitung der CTU erst, nachdem Mr. Edmunds ausgeschieden war. Freut mich Sie kennen zu lernen,” sagte Erin Driscoll ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern. Chase konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, von ihr bereits abgelehnt worden zu sein, ohne, dass er sich einen Grund für diese Abneigung vorstellen konnte. Er versuchte sich daran zu erinnern, was Kim ihm über die Ereignisse im Büro erzählt hatte, aber da sie es kurz nach ihm verlassen hatte, waren auch ihre Informationen spärlich gewesen. Mit Ausnahme des Tages, an dem Jack in Verteidigungsminister Hellers Auftrag dort eingetroffen und letztendlich sein Leben eingebüßt hatte, konnte er sich an nicht viele Einzelheiten erinnern. Sicher, Mrs. Driscoll hatte ihn entlassen, aber Jack war nicht müde geworden zu beteuern, welch ein Glück das für ihn im Grunde gewesen war. Und, selbst wenn sie ihm noch etwas nachtragen sollte, blieb es doch zweifelhaft, ob sie jetzt noch eine Verbindung zwischen ihnen beiden herstellen würde. Es sei denn, ihre Abneigung gälte Field Agents im Allgemeinen.

Chase zuckte mit den Schultern und folgte aufmerksam den knappen Anweisungen seiner neuen Vorgesetzten. Bevor sie sich zum Gehen wand, blickte sie ihn noch einmal gerade an.

“Ich hoffe, Sie und ihre Tochter werden sich hier einleben, und wenn ich Ihnen weiter behilflich sein kann, zögern Sie nicht, sich jederzeit an mich zu wenden.” Mit diesen glatten Worten verschwand sie raschen Schrittes und ließ Chase nachdenklich zurück. Offensichtlich wusste sie doch detailliert über ihn Bescheid, wenn ihr sogar Angela bekannt war. Und da fiel es ihm heiß ein. Kims und seine gesamte Aufmerksamkeit hatte selbstverständlich ihrem Vater  gegolten, außerdem den Hellers und Paul, aber auch Erin hatte an diesem Tag einen schweren Verlust erlitten,  den schwersten, den ein Mensch überhaupt erleiden konnte, sie hatte ihr einziges Kind verloren.

Mit rotem Kopf blieb er zurück und starrte auf die offene Tür. Es gab nichts, das er in dieser Situation hätte sagen können, für manche Empfindungen gab es einfach keine Worte.  

* * *  

Nur wenige Tage später fühlte sich Chase in seinem Aufgabenbereich sicher, eigentlich sicher genug, um sich offenkundig zu langweilen. An Arbeit mangelte es dabei nicht, Erin sorgte dafür, dass ihre Leute stets ausgelastet waren, die Gefahr bestand eher darin, ihnen zu viel zuzumuten. Obwohl Chase seine linke Hand nicht zu sehr beanspruchen durfte, gelang es ihm, die Schreibarbeiten rasch zu erledigen, so rasch, dass ihm noch Zeit genug blieb, die Tätigkeit der Field Agents zu beobachten, die seiner, beziehungsweise Erins Abteilung unterstellt waren. Leiter des Teams war Charles Taylor, ein großer, schlanker Mann mit auffallend hellen Haaren, der sein Fach offensichtlich ausgezeichnet verstand, zumindest, soweit Chase das, aus seiner Position heraus, beurteilen konnte. Er war fasziniert von dessen Technik und Vorgehensweise, die sich fundamental von der Art und Weise unterschied, mit der Jack an seine Einsätze herangegangen war. Je länger Chase gezwungen war dem Kommen und Gehen von Charles und seinen Kollegen zuzusehen, ohne selbst mehr als Kontrolle oder Recherchen ausüben zu dürfen, desto mehr wünschte er sich in seinen alten Job zurück. Aber so wie es aussah, würde er seinem Ziel nicht näher kommen, zumindest nicht in absehbarer Zeit.

In diesem Moment legte Erin den Telefonhörer auf und riss damit Chase aus seinen Gedanken.

“Mr. Edmunds, Agent Taylor benötigt Zugang zu seinen Aufzeichnungen. Stellen Sie die Verbindung her, und sorgen Sie dafür, dass ihm alles Notwendige zur Verfügung steht.”

Chase wandte sich rasch in Richtung des durch Glasscheiben abgetrennten Bereich, der normalerweise ausschließlich der Abteilung für den Außendienst zugeteilt war und bemühte sich seine Begeisterung über diesen ungewohnten Auftrag nicht allzu deutlich zu zeigen. Erin händigte ihm die Keycard aus, gab das Passwort ein, verließ ihn aber nicht, ohne eine letzte Bemerkung. “Ihre Sicherheitsstufe erlaubt Ihnen nur einen eingeschränkten Zugang. Das gilt ohne Einschränkungen. Sollte Agent Taylor Informationen aus einem geschützten Bereich brauchen, geben Sie mir umgehend Bescheid.”

Chase nickte und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. Irgendwie hatte er es auch vermisst nicht mehr ständig auf Vorschriften und Regeln hingewiesen zu werden, die er nur zu gern ignorierte oder wenigstens dehnte, soweit das möglich war. Das hier war in jedem Fall weitaus besser, als das ewige Akten Entstauben, worin bis jetzt seine Haupttätigkeit zu bestehen schien.  Daran dachte er erleichtert, als sich die Verbindung aufbaute.

“Agent Taylor! Hier ist Edmunds - wie kann ich Ihnen helfen?”

“Ach, Chase, richten Sie sich auf einen längeren Aufenthalt ein, wir brauchen hier eine Menge Informationen um weiterzukommen, aber Sie wissen ja Bescheid.”

Die folgenden Stunden war Chase hauptsächlich damit beschäftigt Daten zu übertragen und zu überprüfen, letztendlich auch nicht besonders aufregend, wie er vor sich selbst zugeben musste. Mochte wohl auch daran liegen, dass die Aufgabe, Schlüsse aus verborgenen Finanzwegen und Bankgeheimnissen zu ziehen, nicht mit seinen Erfahrungen aus Los Angeles zu vergleichen war.

Chase seufzte, als sein Blick auf eine Reihe Zahlen fiel. Spontan und ohne weiter nachzudenken, klickte er auf das Datum, das bis in alle Ewigkeit in sein Gedächtnis eingebrannt sein würde, und erstarrte. Vor ihm bauten sich Unmengen von Dateien auf, deren Kennzeichnung stets Jacks CTU Geheimcode enthielten, eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben, die er ebensowenig vergessen würde, wie seine eigene. Aber vor allem irritierte ihn die Tatsache, dass die Einträge nicht abgeschlossen, sondern aktuell waren, systematisch aufgebaut und regelmäßig ergänzt. Chase kannte diese Vorgehensweise nur zu gut, auf diese Art hatte auch er schon mehr als einmal die Suche, Beschattung oder Verfolgung eines Verdächtigen protokolliert.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitzschlag, das war doch nicht möglich, unvorstellbar, er weigerte sich diesem Gedanken Glauben zu schenken. Unruhe erfasste ihn, und er begann, an dem, mit einem Mal, zu engen Kragen seines Hemdes zu nesteln, während er sich verstohlen umsah. Erin war in einem Meeting, die Kollegen im abgetrennten Bereich, und Taylor mehr als damit beschäftigt die Informationen auszuwerten, die Chases Computer ihm ununterbrochen herunterlud.

Doch ein Versuch genügte ihm zu zeigen, dass es nicht so einfach sein würde, sich in diesen Bereich einzuloggen, bei seiner Sicherheitsstufe im Grunde unmöglich. Einen kurzen Moment zögerte Chase noch, doch dann zog er sein Handy hervor. Gleich nach dem ersten Klingelton meldete sich eine vertraute Stimme. Er antwortete hastig. 

“Chloe! Hier ist Chase. Ich brauche deine Hilfe. Kannst du mir etwas entschlüsseln, ich schicke es dir herüber, allerdings - inoffiziell - du verstehst?”

Er lauschte einen Moment, lächelte dann. “Du siehst sofort, worum es geht. Ich muss einfach so schnell wie möglich Bescheid wissen. Anscheinend sind wir alle bis jetzt nicht einmal annähernd ausreichend informiert worden!”  

* * *  

All das war mehr als verwirrend. Chase hatte gelernt seinem sechsten Sinn zu vertrauen, und in diesem Fall vibrierte er wie eine Alarmglocke. Normalerweise war es für Chloe kein Problem in unnachahmlicher Geschwindigkeit jede Hürde zu nehmen, die sich ihr digital in den Weg stellte. Auch war sich Chase sicher, dass ihr sofort aufgefallen sein musste, um wen sich hier alles drehte, nämlich um Jack, um einen lebenden Jack, anders konnte er sich diese Flut an Daten nicht erklären. Aber war das möglich? Konnte es sein, dass Jack seiner Tochter das angetan hatte, dass er sie im Grunde genommen belog, sie trauern ließ, ohne auch nur einen winzigen Hinweis auf die Wahrheit?

Chase schüttelte den Kopf. Nein, das würde er niemals fertigbringen, nicht wenn Kim leiden würde. Es sei denn... . Chase verbannte diesen Gedanken aus seinem Kopf. Er würde erst einmal auf die Ergebnisse warten, die Chloe jeden Augenblick abliefern würde. Er blickte auf die Uhr und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Zwei Stunden wartete er bereits, es schien ihm ausgesprochen ungewöhnlich für Chloe sich nicht einmal zu melden. Mittlerweile hatte er seinen vertrauten Arbeitsplatz wieder einnehmen müssen, Erin betrachtete ihn mit Argusaugen, aber vielleicht gaukelte ihm auch nur sein schlechtes Gewissen etwas vor, auf jeden Fall fühlte er sich äußerst unwohl in seiner Haut, bis endlich sein Handy sich meldete.

“Chloe?”

“Ich schick´s dir rüber, Chase, aber weiß wirklich nicht, was du dir davon erwartest. Ich hab hier genug zu tun.”

“Danke  Mädchen!”

‘Du hast was gut bei mir’ wollte er eigentlich noch hinzufügen, aber das verräterische Klicken hatte bereits angezeigt, dass sie die Verbindung abgebrochen hatte. Chase war viel zu aufgeregt um sich zu wundern, und dann war es ja auch Chloe, bei der man nie wusste, was in ihr vorging.

Trotzdem kribbelte es in seinen Eingeweiden. Er konnte es kaum erwarten, Licht in dieses Geheimnis zu bringen, als er seinen elektronischen Posteingang öffnete.    Einen Moment später starrte er verwirrt auf den Monitor, durchsuchte noch einmal jeden Winkel und stieß einen enttäuschten Atemzug aus. Er rieb sich die Augen und fuhr sich mit einer Hand durch die dunklen, leicht gewellten Haare, während die Finger der anderen nervös neben der Tastatur trommelten. Es ließ sich nicht leugnen, die Informationen vor ihm waren vollkommen belanglos , zumindest von seinem Standpunkt aus, und, was noch viel schwerer wog, es waren nicht diejenigen, die er Chloe geschickt hatte. Zweifelnd schüttelte er seinen Kopf. Unmöglich, dass ihm ein Fehler unterlaufen wäre, und noch unmöglicher, dass sie sich geirrt haben sollte. Und dann... sie hatte ihn zu oft über ihre Schulter sehen lassen, er hatte von ihr mehr über jede Art von elektronischer Datenverarbeitung gelernt, als jeder Lehrgang anbot, insbesondere, wenn es um das Verschleiern und Verändern von Informationen ging. Wenn er noch der Agent von damals  wäre, vermutlich wäre es ihm nicht aufgefallen, vermutlich hätte er niemals auch nur mit dem Gedanken gespielt, dass Chloe unehrlich ihm gegenüber sein könnte. Aber mittlerweile war er zu einem anderen geworden, zu jemandem, der allem und jedem misstrauen konnte, egal, wie sehr er sich einmal auf diesen Menschen verlassen hatte.  Und er wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie die Daten ausgetauscht hatte, nur konnte er sich nicht erklären warum. Was um alles in der Welt sollte Chloe dazu bewegen ihn austricksen zu wollen, gewohnt raffiniert, aber sie hatte ihn dennoch unterschätzt. Seine Sinne bebten, er konnte förmlich riechen, dass etwas in der Luft lag, ein Hauch von Verschwörung und Geheimnis.

Er sprang auf. Ausgeschlossen untätig zu bleiben, von niemandem würde er sich so eine Behandlung gefallen lassen. Es war an der Zeit zu handeln.  

* * *  

Nicht lange nach seinem Entschluss befand er sich in der Luft und wartete darauf, dass das Flugzeug zur Landung ansetzte.

Der Lärm war ohrenbetäubend, doch Chase war zu angespannt um ihm seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Es war eigentlich besser gelaufen, als er es erwartet hatte, aber letztlich hatte er meistens Glück, wenn er sich zu einem seiner Hals-über-Kopf Ausflüge  hinreißen ließ. Angela war bei Charlotte gut aufgehoben, Colin ihm ausgesprochen verständnisvoll entgegengekommen, hatte es schlichtweg abgelehnt, sich irgendwelche Erklärungen anzuhören, statt dessen mit einem Augenzwinkern versichert, er habe genügend Agentenfilme gesehen, um zu wissen, dass manche Dinge geheim bleiben sollten. Und er hatte seine Flüge so koordinieren können, dass er wieder zurück sein konnte, ohne Gefahr zu laufen einen Arbeitstag zu versäumen.

Der Mietwagen wartete bereits, die Adresse hatte er recherchiert, und in Los Angeles fand er sich immer noch mit verbundenen Augen zurecht.

Nur einen Augenblick später, zumindest kam es ihm so vor, stand er vor einem hell gestrichenen Haus, das zusammen mit dem gepflegten Vorgarten ein hübsches Bild ergab. Die Tür öffnete sich.

“Chase? Was in Gottes Namen suchst du denn hier?”

Das zunächst beinahe entsetzt wirkende Gesicht, verzog sich zu einem freudigen Lächeln, und Tony ergriff herzlich die ihm entgegengestreckte Hand, um sie kräftig zu schütteln. Die Berührung fühlte sich warm und ehrlich an, und Chase erwiderte den Händedruck erleichtert, nicht ohne die Veränderung des Mannes wahrzunehmen, den er zum letzten Mal vor über einem Jahr gesehen hatte. Der Abschied von der CTU hatte ihm offensichtlich gut getan, oder es war die wirklich glückliche Ehe, die Michelle und er im zweiten Anlauf imstande waren zu führen, der ausschlaggebende Faktor. Tony wirkte entspannt und gelöst, eine versteckte Heiterkeit schien von ihm auszugehen, die Chase bisher nie aufgefallen war.

“Das ist mal eine Überraschung, komm doch herein,” wurde er aufgefordert.

“Du hast Glück mich anzutreffen, ich bin gerade erst zurückgekommen.”

“Ich wollte nicht stören.”

“Das tust du nicht. Was mir auf dem Herzen lag, das habe ich erledigt.” Tony grinste und  zuckte mit den Schultern. “Alles andere kann warten.”

“Wo ist Michelle?” fragte Chase neugierig.

“Bekam gerade vorhin einen Anruf aus der CTU, kaum dass sie von einem Besuch bei ihrer Schwester zurückgekehrt war. Ohne ihre Hilfe kommen sie dort einfach nicht aus.” Er grinste amüsiert, und Chase lächelte ein wenig verwirrt zurück.

“Also, worum geht es? Du kommst doch nicht um ‘Hallo’ zu sagen. Alles in Ordnung bei dir?”

“Alles bestens, ich hab da nur so eine Sache auf dem Herzen!”

“Komm erst einmal herein, ich habe gerade Kaffee aufgesetzt.”

Chase trat ein, in einer Ecke bemerkte er die beiden Reisetaschen, eine mit dem Aufkleber Chicago, die andere mit Boston versehen. Anscheinend gelang es Michelle und Tony immer noch ihre Termine perfekt aufeinander abzustimmen.

 Der Kaffee glänzte tiefschwarz und schmeckte bitter. Nach dem Flug war er genau das Richtige und Tonys aufgeräumte Stimmung tat ihr Übriges Chase zu ermutigen, umgehend zur Sache zu  kommen.

“Es geht um Jack. ” Tony versteifte sich augenblicklich. Chase fuhr rasch fort.

“Ich bin da auf ein paar eigenartige Hinweise gestoßen, mehr ein Gefühl, aber es lässt mir keine  Ruhe.”

“Was willst du damit sagen?” Tonys gute Laune war wie weggeblasen. Mit einem Klirren stellte er seine Tasse ab. Chase lief rot an, als er den strengen Blick des älteren Mannes  auf sich fühlte. Er schluckte, und versuchte ungeschickt seinen Eindruck zu schildern. Aber die prüfenden Augen ließen ihn verstummen, noch bevor er seinen Gedanken über Chloes Verhalten Ausdruck verleihen konnte.

Schließlich seufzte Tony auf, beugte sich zu ihm vor, und packte mit festem Griff seine Schulter, als wollte er ihn wachrütteln.

“Chase!” Seine Stimme klang ruhig und sicher. “Junge, du hast dich da in etwas verrannt.”

Sein Blick fiel auf die Narbe über der linken Hand. “Ich weiß wie viel Jack dir bedeutet hat, und es ist absolut verständlich, dass du Schwierigkeiten hast mit dem Geschehenen umzugehen. Das geht uns allen so. Aber du musst loslassen, für dich selbst, und auch für alle anderen.”

Die dunklen Augen schienen in seine Seele zu starren, ihm ihren Willen aufzwingen zu wollen, und Chase schnappte unwillkürlich nach Luft. Er senkte den Kopf und murmelte: “Du hast wohl recht. Es tut mir leid, ich wollte keine schmerzhaften Erinnerungen aufwühlen.”

Er nahm noch einen Schluck von dem starken Gebräu und setzte entschlossen die Tasse ab.

“Danke Tony - ich glaube, ich musste nur einmal darüber sprechen, um es aus meinem Kopf zu bekommen. Sicher werde ich noch eine Weile brauchen, bis ich mich damit abgefunden haben werde.” Entschlossen stand er auf. “Leider habe ich nur einen kurzen Aufenthalt in L.A., aber ich hoffe, wir können uns bald länger unterhalten.”

“Natürlich!” Tonys breites Lächeln war zurückgekehrt. “Komm jederzeit. Ich freue mich. Und du hast auch noch gar nichts von Angela erzählt.”

“Könnte alles nicht besser sein, Angela ist mein Augapfel, meine Schwester und mein Schwager sind ganz vernarrt in sie.”

Die beiden Männer schüttelten sich herzlich die Hände und Tony begleitete Chase noch bis zur Tür.

“Wir sehen uns.” Er winkte noch einmal, bevor er seine Autotür öffnete und in den Wagen einstieg. Langsam fuhr er um die nächste Ecke, nicht ohne sich zu vergewissern, dass Tony tatsächlich im Inneren des Hauses verschwunden war. Dort hielt er an, und zog zielsicher einen winzigen Gegenstand aus dem Handschuhfach. Mit geübtem Griff befestigte er den Empfänger an seinem Ohr. Es knackte und rauschte einen Moment lang, aber dann war deutlich eine Stimme zu vernehmen.

“Ihr müsst verdammt vorsichtig sein. Ich weiß nicht, ob er sich so leicht abschütteln lässt. Der Junge ist kein Dummkopf und er hat die Halsstarrigkeit von Jack. Sag Chloe, sie hätte es nicht besser machen können. Wenn ich hier gewesen wäre, hätte ich ihr dasselbe geraten.”

Es entstand eine kurze Pause.

“Nein, kein Gedanke, es gibt von hier aus keine nachweisbare Verbindung. Die einzige Gefahr besteht... gut, ich verlass mich darauf, bis dann!”

Chase startete wieder den Motor. Ein Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, dessen Bitterkeit die des Kaffees bei weitem übertraf.  

* * *  

Er sah sie schon von weitem. Sie schüttelte energisch ihr rötlich hellbraunes Haar. Trotz allem  anderen freute Chase sich über den Anblick, diese Farbe stand ihr, seiner Meinung nach, besser, als das Blond, das sie ausprobiert hatte. Offensichtlich sagte sie etwas sehr Schnippisches, denn Michelle schien ein wenig verärgert. Sie deutete noch einmal auf den Bildschirm, nickte dann abschließend, und verließ den Raum durch den Seiteneingang, ohne Chase zu bemerken. Dieser wartete, bis sie außer Sicht war und näherte sich dann erst. Als Chloe ihn bemerkte, schrak sie zusammen. “Chase - was - wie bist du hier hereingekommen?”

Er hielt ihr seinen Ausweis unter die Nase. “Ich bin wieder beim Team, schon vergessen?”

Sie seufzte gottergeben. “Was willst du? Ich hab zu tun!”

“Ich weiß, und ich weiß auch, womit du zu tun hast.” Er sah sie kalt an, ließ seinen Ärger die Regie übernehmen. Chloe reagierte nicht minder ungehalten.

“Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es, und verschwende nicht meine Zeit.”

“Wie konntest du so etwas vor Kim und mir verheimlichen?” platzte es aus ihm heraus.

“Menschenskind, Chase, werd endlich erwachsen!”

Sein eisiger Gesichtsausdruck verwandelte sich in Verblüffung, als sie ihn am Arm packte, und von ihrem Tisch fort zerrte, bis sie aus der Tür heraus waren, und in einen toten Winkel gelangten.

“Sieh endlich über deinen Tellerrand hinaus, Chase! Hast du überhaupt eine Ahnung, was du anrichten kannst, wenn du weiter hier herumstocherst und Aufmerksamkeit auf dich ziehst?”

“Welche Aufmerksamkeit denn? Hast du die Beschattungsbelege nicht gesehen? Wenn es wahr sein sollte, dann ist er doch schon längst aufgeflogen.”

“Du Idiot. Die Aufzeichnungen beweisen gar nichts, es sein denn jemand interessiert sich ungebührlich für sie.”

“Und warum hast du sie dann vertauscht?”

Sie seufzte wieder, und sah ihn urplötzlich mit neu erwachtem Interesse an.

“Das hast du bemerkt?” Nach einem kurzen Zögern fügte sie leise hinzu. “Hinweise sind enthalten, vielleicht nicht auf dem neuesten Stand, aber trotzdem könnten sie in eine Richtung weisen. Das wollte ich vermeiden!”

Etwas lauter und mit ruhiger Stimme sagte sie, während sie ihm fest in die Augen sah: “Du musst es ruhen lassen, Chase, zu Kims, Angelas und deinem Schutz - lass es ruhen!”

“Aber... “ Chase wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch Chloe fuhr ihm über den Mund.

“Nein, verdammt, hör mir zu, das war es jetzt. Du fliegst zu deinem Kind zurück und wirst darüber nachdenken. Bevor du das nicht getan hast, möchte ich von dir nichts hören, geschweige denn sehen.” Damit machte sie auf dem Absatz kehrt, und ließ ihn verdutzt stehen, während das emsige Treiben um ihn herum unvermindert weiterging, ein Treiben, das sich durch nichts und niemanden aufhalten lassen würde.  

* * *  

“Komm Angela! Heute kommt Daddy wieder nach Hause.” Emsig packte Charlotte die zahllosen Sandförmchen, Schaufeln und Eimer zusammen, wobei sie sich fragte, ob es heute leichter sein würde, die Kleine vom Spielplatz zu locken, als es am Tag zuvor gewesen war. Nur mit der Aussicht auf ein Eis hatte Angela sich verlocken lassen, den allzu interessanten Vorgängen im Sandkasten Lebewohl zu sagen. Wieder einmal merkte Charlotte, dass es ihr erheblich schwieriger fiel so einen kleinen Menschen zu bändigen, als sie es aus ihrer Jugend in Erinnerung hatte. Sie seufzte und ließ sich auf eine der nicht besetzten Bänke fallen. Rund um die Uhr auf Angela zu achten, war doch aufreibender, als sie geglaubt hatte, und zum ersten Mal war sie froh darüber, dass Chase sich nicht davon abbringen ließ, einen Kinderhort in der Nähe seines Büros zu suchen. So wie es aussah, würde er doch öfters unvermutet abwesend sein müssen, und dann wäre es doch schön, trotz allem ein paar Stunden nur für sich zu haben, beziehungsweise für Colin. Ihr Miteinander hatte an diesem Wochenende auch ziemlich gelitten, was allerdings weniger an Angela lag, wie sie sich eingestehen musste, sondern daran, dass auch er hatte arbeiten müssen. Und eigentlich hatte sie sich doch darauf gefreut, ein wenig zu dritt Familie spielen zu können. Sie zuckte mit den Schultern und klopfte den Sand aus einer der Formen. Es hatte eben nicht sein sollen. Und nun würde Chase in wenigen Stunden wieder hier sein, und sicher versuchen wollen, die Zeit mit seiner Tochter auszunutzen, bis er wieder aufbrechen musste. So war das eben, es ließ sich nicht ändern, und wie sie ihren Bruder kannte, würde er auch die Wohnungssuche nicht auf die lange Bank schieben wollen. Und dass, obwohl sie sich die beiden nur mit Mühe alleine vorstellen konnte. Chase hatte schon immer plötzlichen Impulsen und Eingebungen, ohne eine Sekunde zu zögern, nachgegeben. Rücksicht auf sich oder andere hatte er dabei nie genommen, und sie zweifelte ernsthaft daran, dass sich das wegen Angela ändern würde. Er war einfach noch zu jung für diese Art von Verantwortung, zu unbedacht, sie brauchte ja nur daran zu denken, was ihm in seiner kurzen Laufbahn als Agent schon alles widerfahren war. Sie schüttelte den Kopf. Nein, es war undenkbar, dass er alleine dieser Aufgabe gewachsen wäre. Colin und sie würden ihm beistehen, ganz egal wie sehr ihn sein Stolz daran hindern wollte, die Hilfe anzunehmen.

Lächelnd warf sie die Form in den Eimer, und stand entschlossen auf.

“Komm Angela, das Wochenende ist vorbei, jetzt lass uns sehen, was die neue Woche für uns bereithält.”  

* * *  

Endlich Ruhe! Aufatmend lehnte Chloe sich gegen die Innenseite ihrer Wohnungstür. Als ob es nicht schlimm genug wäre, am Sonntag arbeiten zu müssen, da musste sie sich auch noch erst von Michelle und dann von Chase dumm anreden lassen. Als ob einer der beiden auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, welchen Situationen sie Tag für Tag ausgesetzt war. Wütend schleuderte sie die Schuhe von ihren Füßen und ging auf Strümpfen in die Küche, riss den Kühlschrank weit auf und lehnte sich mit der Stirn gegen die obere Kante. Die Kälte tat gut, ihr Atem verlangsamte sich, der Ärger verschwand. Sie füllte Eiswürfel in ein Glas und zögerte mit der Entscheidung, was sie dazugeben sollte. Eigentlich trank sie selten Alkohol, sie hatte den Eindruck, dass er ihr nicht bekam. Und dann hasste sie das Gefühl, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, diesen Luxus konnte sie sich einfach nicht erlauben. Nachdenklich lutschte sie einen Eiswürfel, und angelte eine Flasche Gin, die eigentlich für Gäste gedacht war, aus dem Küchenschrank.

Natürlich war es nicht der Ärger über Chase oder Michelle, der ihr zu schaffen machte, beide waren im Grunde auch nur beunruhigt, ebenso wie Tony oder wie sie selbst. Der Vorfall heute hatte ihr nur wieder vor Augen geführt, was sie eigentlich schon längst wusste, dass die Situation, so wie sie war, auf lange Sicht einfach keine Lösung darstellen konnte. Nachdenklich nestelte sie an dem Verschluss der Flasche herum, und hielt dann inne. Ihr war ja bereits mulmig gewesen, als Tony sie dazu gebracht hatte den Kontakt nach Mexiko herzustellen. Und so unverständlich es ihr auch gewesen war, dass Jack sich,  nach seinem Gang durch die Hölle mit den Salazar Brüdern, ausgerechnet diesen Aufenthaltsort ausgesucht hatte, um so unverständlicher war ihr dann seine Entscheidung, wieder in die Staaten zurückzukehren. Sie wurde das dumme Gefühl nicht los, dass Tony etwas mit dieser Entscheidung zu tun hatte, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, was genau da zwischen den beiden vorging. Es musste etwas sein, zu dem sie keinen Zugang hatte, und das wurmte sie. Das wurmte sie ungeheuer. Sie hasste es, irgendwo außen vor gelassen zu werden, und sie hasste es, dass Tony ihre Fähigkeiten benutzte, aber ihr eine direkte Einflussnahme verweigerte. Doch wenn sie ganz ehrlich zu sich war, dann wusste sie, tief in ihrem Inneren, worin die Ursache für ihre Unzufriedenheit lag. Sie machte sich Sorgen, sie machte sich wirklich ernsthafte Sorgen, mehr Sorgen, als man sich normalerweise um einen Arbeitskollegen, selbst um einen Arbeitskollegen, mit dem man befreundet war, machen sollte. Das Blut stieg ihr ins Gesicht, und sie griff hastig nach einem weiteren Eiswürfel.

Diese Gedanken führten doch zu nichts, sie sollte sich lieber ablenken, vielleicht nachsehen, ob  der Kollege aus England ihr schon die versprochenen Updates zugeschickt hatte. Mit geübten Handbewegungen öffnete sie ihr Notebook und erstarrte. In der linken oberen Ecke blinkte das kleine rote Warndreieck, das ihr anzeigte, dass jemand Zugriff auf ihr System gesucht hatte. Unmöglich, dass es gelungen sein konnte ihre Daten zu entschlüsseln, aber sie wusste nur zu gut, dass es für jede von Menschen erfundene Sicherheitssoftware auch einen Schlüssel gab. Nur war in der Regel sie diejenige, die den Schlüssel fand, und die Tür öffnete.  

* * *  

Chloe trat nervös von einem Fuß auf den anderen, bis die Tür endlich geöffnet wurde. Michelle starrte sie mit großen Augen an.

“Was..., “ setzte sie zum Sprechen an, als Chloe bereits an ihr vorbei gerauscht war.

“Ich muss mit euch sprechen, wo ist Tony?”

Der Gesuchte erschien bereits in der Veranda Tür und sah ihr fragend entgegen.

“Was ist denn heute nur los? Jeder scheint verrückt zu spielen!”

“Vergiss mal alles andere! Wir haben ein richtiges Problem,” stieß Chloe hervor und rang aufgeregt die Hände. “Das Sicherheitssystem, das ich installiert habe, und das eigentlich nicht zu knacken sein dürfte.... es hat sich jemand daran zu schaffen gemacht. Der Warnmechanismus ist aktiviert, also gibt es keine andere Erklärung.”

“Was meinst du? Das System in der CTU?”

Ärgerlich über seine Begriffsstutzigkeit fuhr sie Tony an.

“Natürlich nicht - meines - meine Verbindung zu Jack, verdammt noch mal!”

Tony wurde totenbleich, während Michelle scharf Luft holte und auf ihre Unterlippe biss. Schließlich brach sie das Schweigen. “Wo ist er jetzt?”

“Chicago,” antworteten Chloe und Tony in einem Atemzug. Ihre Blicke trafen sich, und Chloe wurde bewusst, wie sich ihr eigenes Erschrecken, ihre Angst und ihr Zorn in seinen dunklen Augen widerspiegelte.

“OK,” Michelle rieb ihre Stirn. “Wenn ich das richtig sehe, haben wir im Moment keine sichere Möglichkeit ihn von hier aus zu kontaktieren. Das heißt, einer von uns muss dort hin fahren.”

“Ich mach das,” unterbrach Chloe. “Bill hat mich für zwei Tage freigestellt, ich wollte eigentlich zu meinem Patenkind, und auf diese Weise habe ich wenigstens ein perfektes Alibi.” Sie sah Tony an und setzte hinzu: “Ihr solltet untersuchen, ob Chase etwas damit zu tun hat, das sind mir zu viele Zufälle auf einmal. Außerdem habt ihr die Möglichkeit in Washington Fäden zu ziehen, falls die Sache tatsächlich dort ihren Ursprung haben sollte.”

“Chloe,” Tony ergriff ihren Arm.

“Ich habe alle Informationen gelöscht, es ist nichts mehr nachzuweisen, andererseits können wir auch nicht... ”

“Ich verstehe, aber ich weiß, wie du ihn finden kannst.” Er verschwand im Nebenzimmer, und kam mit einem abgegriffenen, aber sorgfältig zusammengefalteten Stadtplan wieder heraus, den er ihr rasch in die Hand drückte. “Hierin steht alles, was du wissen musst. Und wähle die Nummer erst, wenn... “

“Ich weiß,” schnappte sie zurück. “Erst im letzten Augenblick!”  

* * *  

Chloe war es gelungen Chicago einerseits rasch, andererseits auf eine ausgesprochen umständliche Weise anzufliegen. Die letzte Vorsichtsmaßnahme bestand darin ein weiteres Mal den Wagen zu wechseln und sich der Stadt in einem weiten Kreis zu nähern. Sie war sich sicher, dass niemand von ihr Notiz nahm, als sie das neue Mobiltelefon kaufte und die Nummer aus dem Gedächtnis anwählte. So umsichtig sie bis jetzt auch vorgegangen waren, sie wusste, dass es von nun an ein Spiel auf Zeit sein würde.  

* * *  

Chase massierte geistesabwesend die Finger seiner linken Hand, eine Angewohnheit, die er im Verlauf der Rehabilitation erworben hatte, und die ihm für gewöhnlich half seine Gedanken zu ordnen. Aber mittlerweile war er kaum noch imstande irgendetwas zu ordnen. Er versuchte die Puzzlestücke miteinander zu kombinieren, aber es war entweder das Erstaunen oder der Ärger über das Verhalten seiner ehemaligen Kollegen, das ihn daran hinderte einen klaren Gedanken zu fassen. Je weiter sich das Flugzeug von Los Angeles entfernte, desto klarer wurde ihm, dass er die Sache nicht auf sich beruhen lassen konnte. Unabhängig davon, wie einleuchtend Chloes Argumente ihm noch vor wenigen Stunden erschienen sein mochten, sein Instinkt sich einzumischen war, nach den wenigen unklaren Hinweisen, die er hatte aufspüren können, nur noch stärker geworden. Und im Zweifelsfall würde er immer seinem Instinkt vertrauen, und die Vernunft beiseite lassen. Das hatte er schon mehrfach schmerzhaft erfahren müssen, und daran würde sich aller Wahrscheinlichkeit auch nie etwas ändern.  

* * *  

Der Mond spiegelte sich in der kristallenen Fensterwand des Bürogebäudes, sein silbernes Licht verschmolz mit dem gelben Schein der Straßenlaternen, die einem geübten Agenten noch genügend Schatten übrig ließen, um ungesehen jeden gewünschten Ort erreichen zu können. Chase sah keinen rationalen Grund, warum er seine Ankunft verbergen sollte, aber nun, da er sich für diesen Alleingang entschieden hatte, war er entschlossen jede Vorsichtsmaßnahme zu ergreifen. Die Spur hatte hier begonnen, also würde er sie auch von hier aus wieder aufnehmen.

Seine Schwester hatte ihm lediglich einen traurigen Blick zugeworfen, nachdem er ihr mitgeteilt hatte, dass er noch einmal fort musste. Es war nicht schwer zu erraten, dass Colin sie

ebenfalls mit Angela über den Tag allein gelassen hatte, zumindest ließen das liebevoll und aufwendig zubereitete Abendessen zusammen mit ihren spärlichen Andeutungen diesen Schluss zu. Es gelang ihm sein nagendes schlechtes Gewissen beiseite zu schieben, indem er sich vornahm seine Unhöflichkeit durch besonders viel Liebenswürdigkeit und Fürsorge wieder gut zu machen, sobald er nur wissen würde, worin der eigentliche Grund für sein Unbehagen bestand.   

* * *  

Ein einzelner, heller Stern blitzte am Nachthimmel auf, als Chase das Gebäude über die Feuerleiter betrat. In seinem Unterbewusstsein notierte er, wie ungewöhnlich es war, trotz der Großstadtlichter einen Stern erkennen zu können, und dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Raumstation, oder etwas Vergleichbares handeln musste, während er gleichzeitig konzentriert sämtliche Sicherheitsschranken umging und sich schließlich geschickt Einlass verschaffte. Sein Ziel war der Zentralrechner, nicht nur, weil er sich von hier aus am ehesten Aufschluss zu erhalten versprach, sondern auch, weil er wusste, dass dieser Bereich, bis auf wenige Ausnahmefälle, nachts verschlossen blieb. Dennoch näherte er sich mit äußerster Vorsicht seinem Ziel, ein Umstand, der sich bezahlt machte, als mit einem Mal entfernte Stimmen an sein Ohr drangen.   Sein Herz raste, als er sich umsichtig vorwärts bewegte. Sein Agententraining übernahm automatisch die Kontrolle. Ausgefeilte Technik und die Kenntnis des Gebäudes, die er sich bereits vor seinem Arbeitsantritt angeeignet hatte, erleichterten es ihm geräuschlos von Nische zu Nische zu huschen, um sich den beiden Gestalten zu nähern, deren Stimmen ihm von Schritt zu Schritt vertrauter erschienen. Sein Erstaunen wuchs, als er die eine Stimme unzweifelhaft als die seines Schwagers erkannte. Bis zu diesem Augenblick wäre es ihm lächerlich erschienen, dass Colin Kontakte zum Geheimdienst unterhalten könnte, nicht nach den unschuldigen Bemerkungen, die er bei jeder Gelegenheit hatte fallen lassen, und der offensichtlichen Naivität, mit der er sich Chases Tätigkeit gegenüber gezeigt hatte. Doch sein Erstaunen wuchs noch, als er endlich in Colins Gesprächspartner den Kollegen erkannte, dem er bis jetzt, nach Jack, die  meiste Achtung entgegengebracht hatte, den Leiter des Außenteams, Charles Taylor.   “Was soll das bedeuten?”

Chases erstarrte, als sein Schwager unvermittelt die Stimme erhob. “Soll das vielleicht ein schlechter Witz sein?”

Er senkte die Lautstärke wieder, doch zischte seinem Gegenüber ununterbrochen wütende Bemerkungen ins Gesicht. Der heimliche Zuhörer im Dunkeln versuchte sich noch ein Stück zu nähern, um wenigstens einem Teil der Unterhaltung folgen zu können.

“Der Gentleman wird nicht sehr erfreut sein über so viel Inkompetenz. Du weißt, wie schnell diese Leute bereit sind Konsequenzen zu ziehen.“

Colin schüttelte ärgerlich seinen Kopf. “Wir können froh sein, wenn wir nur gefeuert werden. Und ich dachte, du hättest an jedem Knotenpunkt ausreichend Leute eingesetzt, das kann doch nicht so schwer sein.”

“Das hab ich auch! Er war einfach zu schnell. Sie hatten keine Chance. Und hör endlich auf mit diesen Codenamen, das ist einfach nur lächerlich!”

“Hey!” Colin packte Charles unbeherrscht am Kragen und schüttelte ihn. Chase hielt die Luft an. Er hatte ihn noch nie so unbeherrscht gesehen. Der Anblick ließ ihn den Atem anhalten, und er konnte nicht umhin sich vorzustellen, wie Colin mit Charlotte umzugehen imstande wäre, wenn er problemlos einem trainierten Profi das Gleichgewicht rauben konnte.

“Was für eine Tarnung auch immer sich diese hohen Tiere aus dem Weißen Haus einfallen lassen, selbst wenn sie sich Micky Maus nennen wollen, es ist nicht an uns, ihre Anweisungen in Frage zu stellen. Du müsstest eigentlich besser wissen als ich, dass derart heikle Missionen noch nicht einmal die Andeutung einer Schwachstelle dulden dürfen.”

Charles löste sich keuchend und hob die Hände in Abwehr. “Ist schon gut, komm wieder runter. Wir sind doch alle frustriert. Der Kerl ist wie ein Gespenst, sobald wir ihn aufgespürt haben, verschwindet er, ohne eine Spur zu hinterlassen. Meine Männer glauben mittlerweile, dass er einfach zu gut für uns ist, ganz zu schweigen von den Geschichten, die im Umlauf sind.”

Colin bemühte sich seinen Zorn unter Kontrolle zu halten.

“Man sollte nicht glauben, dass erwachsene, erfahrene und auf Sondereinsätze spezialisierte Agenten sich wiederholt von einem einzelnen Mann austricksen lassen.”

Er holte tief Luft.  “Aber das wird jetzt endgültig ein Ende haben. Noch einmal wird uns Jack Bauer nicht durch die Lappen gehen. Dafür werde ich sorgen.”   Unhörbar schnappte Chase nach Luft und glitt katzenartig zu Boden, da er für einen Augenblick befürchtete, seine Beine könnten unter ihm nachgeben. Die vage Befürchtung entpuppte sich als bei weitem nicht so schlimm, wie die tatsächliche Konfrontation mit Tatsachen, die alle bisherigen Vermutungen schlichtweg überboten. Seine Gedanken überschlugen sich, und er musste alle Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht aus seinem Versteck zu stürmen und seinen Zorn an den beiden Männern auszulassen. Für einen Moment spielte er ernsthaft mit diesem  Gedanken, doch die eben verklungenen Worte ließen ihm keine andere Wahl, als sein weiteres Vorgehen mit Bedacht zu planen. Er konnte nicht glauben, was ihm da zu Ohren gekommen war, unmöglich, dass Colins Verbindungen sich so weit nach oben erstrecken sollten.

Chase konzentrierte sich auf seinen Atem, so wie er es während seiner Ausbildung gelernt hatte.

Die beiden Männer dämpften ihre Stimmen, aber wandten sich gleichzeitig in seine Richtung. Chase duckte sich noch tiefer in den Schatten, um dort bewegungslos zu verharren.

“Was machen wir nun?  Er erwartet Ergebnisse, und zwar besser gestern als heute.”

Colin bedachte Charles mit einem verächtlichen Blick.

“Gut erkannt. Wir agieren so wie immer, indem wir bluffen. Wenn ich ihn nachher treffe, melde ich, dass alles nach Plan verläuft. Und dann haben wir momentan nur noch eine Möglichkeit unseren guten Ruf zu retten.” 

Raschen Schrittes bewegten sich beide an Chases Versteck vorbei und steuerten das Ende des Ganges an. An der Treppe trennten sie sich und entschwanden aus seinem Gesichtsfeld. Aufmerksam lauschte er, bis auch die letzten Geräusche verstummt waren, nur um dann in die entgegengesetzte Richtung zu eilen. Den Zentralrechner ließ er links liegen, schlüpfte statt dessen in eine Abstellkammer, deren Fenster, wie er wusste, direkt über dem Parkplatz lag. Schwaches Licht vereinzelter Straßenlaternen erhellte den leergefegten Platz. Chase studierte aufmerksam die Umgebung, und tatsächlich, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit entfernt, halb verborgen von einer Hecke, die eine Ansammlung Müllcontainer ansehnlicher machen sollte, entdeckte er einen der beiden unauffälligen Wagen seines Schwagers. Er konnte nicht verhindern, dass ihm ein wütendes Zischen entkam, und biss sich ärgerlich auf die Zunge. Momentan schienen ihm nicht viele Alternativen übrig zu bleiben, und wenn er etwas erreichen wollte, würde er zwangsläufig ein Risiko eingehen müssen.

Er zog sein Handy hervor und wählte eine Nummer. Eine verschlafene Stimme meldete sich. “Driscoll?”

“Erin, Chase Edmunds hier, ich brauche Ihre Hilfe.”

Erin war auf einen Schlag hell wach. “Worum geht´s,” kam sie direkt zur Sache. Chase schilderte in knappen Worten, was er erfahren hatte und konnte förmlich vor sich sehen, wie ihre Augen größer wurden.

“Was reden Sie da für einen Unsinn? Sind Sie betrunken oder nur verrückt?”

“Hören Sie zu, Erin, es ist nicht nötig, dass Sie mir glauben, ich möchte Sie nur um eine einzige Sache bitten.” Bevor sie etwas entgegnen konnte, fuhr er fort. “Ich werde versuchen die Mistkerle festzunageln, oder zumindest ihren Kontakt ausmachen, aber ich mache mir Sorgen um Angela und meine Schwester. Für Sie wäre es ein Leichtes, den beiden ein Sicherheitsteam vorbei zu schicken, das sie so weit wie möglich von meinem Schwager entfernt.”

Er senkte die Stimme, hauchte beinahe: “Bitte Erin, morgen können Sie mich in Stücke reißen, aber sehen sie heute nach meiner Familie.”

Erin schluckte. “Also gut. Verstehe wer will, aber ich schicke ihnen jemanden.”

“Und, bitte... ”. Sie unterbrach ihn abrupt. “Für wie schwer von Begriff halten Sie mich, natürlich wird es ein Team von außerhalb sein. Ich habe private Kontakte.”

“Danke Erin.” Chase war sich nicht bewusst, wie viel Wärme in seiner Stimme mitklang. Seine Gedanken waren bereits auf dem Teil der Straße, den er ununterbrochen beobachtete.

Nachdenklich legte Erin den Hörer auf. Sie überlegte einen Augenblick, hob ihn dann wieder von der Gabel, und wählte ihrerseits einen vertrauten Anschluss an.  

* * *  

Ein Windstoß erfasste ihn unvermutet, vereinzelte Wassertropfen trafen sein Gesicht, als er die Außentür hinter sich schloss. Er nutzte den Schatten des Gebäudes, während er sich seinem anvisierten Ziel näherte. Verborgen durch die Deckung, die Stephen für sein Fortbewegungsmittel gewählt hatte, platzierte er in Sekundenschnelle einen Sender am Fahrwerk und zog sich sofort wieder zurück. Der feine Regen überzog die Straße mit Feuchtigkeit, die in der Dunkelheit glitzerte, als Chase lautlos auf seinen Gummisohlen den Weg zu seinem eigenen Auto einschlug, das er wenige Blocks weiter geparkt hatte. Um diese Zeit wirkte der Stadtteil wie ausgestorben, kein Laut, mit Ausnahme des sanften Plätscherns der Wassertropfen, durchdrang die Stille. Chase öffnete die Wagentür und erstarrte in der Bewegung. Ein leise surrender Ton, der ihm nur zu vertraut war bewirkte eine unmittelbare Reaktion. Er wirbelte herum, und warf sich seitwärts, versuchte Schutz zu suchen, doch vergeblich. Ein stechender Schmerz im Nacken war das Letzte, das er bewusst wahrnahm, bevor ihn die Dunkelheit umfing.  

* * *  

Die Wunde brannte wie Feuer, ein glühendes Messer bohrte sich in seine Haut, und er wand sich, wollte danach greifen, nur um festzustellen, dass es ihm nicht möglich war.

Ein Laut entrang sich seiner Kehle, wurde erstickt durch etwas, das sich in seinem Mund befand, ihm den Atem nahm. Mit verzweifelter Anstrengung riss er die Augen auf und stöhnte, als die Bewegung das Dröhnen in seinem Kopf in einen dumpfen Schmerz verwandelte. Die Umgebung erschien unscharf, er hatte Mühe Umrisse zu erkennen, und als er versuchte aufzustehen, wurde er von Fesseln an Armen und Beinen zurückgehalten.

“Wieder unter den Lebenden?”

Es flimmerte vor seinen Augen, als sich ein Schatten näherte, sich an seinem Knebel zu schaffen machte. Chase keuchte und sog scharf die Luft ein, sobald seine Atemwege von dem Hindernis befreit waren.

Allmählich wurde auch seine Sicht wieder klarer, der Schatten vor ihm nahm langsam eine vertraute Gestalt an.

Seine bloßen Füße pressten sich in die Erde, während er von einem trockenen Husten geschüttelt wurde, soweit es die Stricke, die ihn fixierten und seinen Blutfluß behinderten, erlaubten.

“Du kennst das Spiel, mein Junge. Wir haben nicht vor uns hier mit Höflichkeiten oder Erklärungen aufzuhalten.”

Chase blinkte bis sein Blick klar wurde und Colins hämisches Grinsen ihm wie eine Beleidigung entgegen stierte. Schweigend verfluchte er seine Unvorsichtigkeit. Seine Augäpfel bewegten sich hastig von links nach rechts, in dem Versuch so viel als irgend möglich von seiner Umgebung wahrzunehmen. Auch ohne sie erkennen zu können, spürte er die Anwesenheit schwer bewaffneter Männer, erkannte das Geräusch, das die schusssicheren Westen verursachten, wenn sich ein Kleidungsstück an ihnen rieb, oder den vertrauten Laut einer Waffe, die von einer Hand in die andere gewechselt wurde.

“Du weißt, was wir wollen, und du weißt ebenfalls, was wir imstande sind zu tun, um es zu bekommen.”

Sein Blick fiel zur Erde, und Colin fügte mit einem harten Lachen hinzu: “Richtig erkannt. Mit deinen Füßen fangen wir an, und arbeiten uns dann nach oben weiter, solange bis... .“

Er kniff die Lider zusammen und folgte mit den Augen anzüglich den Linien des schlanken Körpers. “Aber so weit wirst du es nicht kommen lassen.” 

 “Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das hier bedeuten soll!”

Die Worte kratzten in seiner Lunge, die sich anfühlte, als wäre sie mit Sand überzogen, eine Nachwirkung des Betäubungsmittels, die den verzweifelten Wunsch nach einem Glas Wasser weckte.

“Natürlich nicht,” entgegnete Colin, während er einen schwarzen, schmalen Koffer in Empfang nahm, den ihm eine der Wachen reichte, und ihn auf einem niedrigen Tisch öffnete. Chase brauchte nicht hineinzusehen, um zu wissen, welche Instrumente er vorfinden würde.

Gerade in dem Moment, in dem sich Stephen suchend über den Kofferinhalt beugte, erreichte ihn ein kühler Luftzug und ließ ihn erschauern. Sein Kopf schnellte zur Seite und er erhaschte einen Blick aus der geöffneten Tür, bevor Charles sie hinter sich wieder zufallen ließ. Die Dunkelheit war unverändert, das bedeutete die Droge konnte ihn nur für kurze Zeit außer Gefecht gesetzt haben, ein Verdacht, der durch die mittlerweile rasenden Kopfschmerzen untermauert wurden.

“Was soll das werden?” erkundigte sich Charles skeptisch, worauf er nur einen schiefen Blick Colins erntete.

“Was denkst du denn,” erwiderte dieser spöttisch.

Nun war es an Charles verächtlich zu schnauben. “Das meinst du nicht im Ernst! Man merkt wirklich, dass du nicht vom Fach bist.”

Rasch durchquerte er den Raum, beugte sich über Chase und riss seinen linken Ärmel hoch, so gut es die Fesseln erlaubten.

“Siehst du das?

Der Mann hat sich den Arm abhacken lassen, um seine Pflicht zu erfüllen, du glaubst doch nicht, dass er sich durch Folter dazu bringen lässt, den Mund aufzumachen. Zu der Sorte gehört er nicht, das ist ein anderes Kaliber. Also, wenn du deine Zeit verschwenden willst... “

Colin wandte sich ihm grinsend zu.

“Stimmt das Chase? Kann man dich nicht brechen? Hast du das auch von Jack Bauer gelernt?”

Er schüttelte missbilligend den Kopf.

“Trotzdem bist du noch ein großes Stück von ihm entfernt, Kleiner. Sieh mal wie mühelos wir dich geschnappt haben. Und nicht nur das. Du hast ja keine Ahnung wie lange wir dir schon auf den Fersen sind, welch fabelhafte Dienste du uns geleistet hast.”

Die Wut flackerte in Chase auf, wie eine Flamme, die durch frischen Wind hochgewirbelt wurde. Er zerrte an seinen Stricken und knurrte in dem Versuch seinen Hass zu unterdrücken.

Colin näherte sich seinem Gesicht und flüsterte ihm zu: “Ich verstehe, dass das weh tut.” Er lächelte mitleidig. “Sieh es ein! So wie dein großes Idol, wirst du nie werden können. Er führt uns seit Monaten an der Nase herum.”

Chase spürte seinen heißen Atem im Nacken, als er zischte: “Aber du kannst der sein, dem die Ehre zuteil wird, ihn aufzuspüren!”   Er wollte aufschreien, seine Seele tobte bei dem Gedanken, doch alles, was er hervorbrachte war ein heiseres ‘Niemals’!

Colin schnalzte mit der Zunge.

“Nun, wir werden sehen, ob das dein letztes Wort ist.”

Verschwörerisch neigte er den Kopf tiefer. “Ich bin mir sicher, dass dein Innerstes sich danach sehnt dem großen Jack Bauer endlich einmal zu zeigen, dass er nicht so unbesiegbar ist, wie er glaubt.”

Chase hob sein Kinn und sah ihm gerade in die Augen, sein Geist erfüllt mit Verachtung für diesen Mann. “Fuck you!”

Colin seufzte resigniert und wich zurück.

“In diesem Fall haben wir natürlich noch andere überzeugende Argumente an der Hand.” Er zog den Tisch, auf dem die blitzenden Folterinstrumente lagen näher zu sich heran, und genoss es, das beinahe unmerkliche Versteifen in dem Körper des Mannes wahrzunehmen, der ihn immer noch unverwandt anstarrte.

Er tauschte einen Blick mit Charles und hob wieder zu sprechen an.

“Nun, zum einen fehlt uns leider die Zeit... ,“ er fuhr vorsichtig mit einem Finger über den Griff eines Skalpells. “Und dann sind wir ja auch keine Barbaren.” Er grinste gemein und nickte dem anderen zu. “Nun bring sie schon, so kommen wir am schnellsten zum Ziel.”   Für einen Augenblick verlor Chase komplett die Beherrschung. Er schrie, tobte, zerrte an seinen Fesseln, als eine eisige Hand sein Herz umklammerte und ihm die Angst die Sinne rauben wollte.

Charlotte, die Hände hinter dem Rücken verschnürt, und mit verbundenen Augen, wurde ihm entgegen gestoßen, so dass sie beinahe stolperte. Ihre Haare waren zerrauft, und sie zitterte in ihrem dünnen Nachthemd. Direkt nach ihr folgte ein grobschlächtiger Mann, der ein kleines, sich offensichtlich in tiefem Schlaf befindliches Mädchen auf den Armen trug.  

“Angela!” Chase brüllte, unfähig sich zurückzuhalten. “Was ist mit ihr? Was habt ihr mit ihr gemacht?”

“Chase?” Charlottes Stimme überschlug sich. “Chase, ich... ich konnte nichts tun... Chase, was ist hier los... “ Ihr Stammeln verstummte, als auch von ihrem Bruder nur noch ein ersticktes Keuchen zu vernehmen war.

“Keine Sorge, meine Lieben. Wer würde denn so einem süßen Kind etwas antun wollen? Ein wenig Hustensaft wirkt besser als jede Schlaftablette, und erspart uns eine Menge Scherereien.”

Wenn Blicke töten könnten, würde Chases Schwager, der sich offensichtlich der allerbesten Laune erfreute, eines qualvollen Todes sterben.

“Colin?” Charlotte bebte. Es zerriss ihrem Bruder das Herz, zu sehen, wie sich ihr Leben vor seinen Augen in einen Scherbenhaufen verwandelte.

Zärtlich löste ihr Mann den Knoten ihrer Augenbinde und zog sie unerträglich sanft herunter, bis sie auf ihrem Hals ruhte.

“Es tut mir leid, Goldstück, aber Auftrag ist Auftrag.”

“Du verdammter Mistkerl, ich bringe dich eigenhändig um, ich... “

“Aber, aber, Junge! Komm wieder herunter. Es existiert hier doch kein Zweifel darüber, wer am Zug ist, oder?”

Er drehte sich zu Angela, ließ seine Hand jedoch in Charlottes Nacken, und drückte plötzlich zu, so dass sie in Panik nach Luft schnappte.

“Ihr wünscht euch doch sicher, dass dieser kleine Engel morgen mit euch am Frühstückstisch sitzt.” Er fasste in Angelas dunkle Löckchen und wand sie um seine Finger, bis sie leise im Schlaf seufzte.

“Du wirst es nicht wagen... “

“Oh doch, ich werde!”

Colins Blick war eiskalt, seine Stimme hart, die Zeit der Spiele war vorbei. Von nun an würde er ernst machen.

“Deine letzte Chance! Wo ist Jack?”

Chase holte tief Luft und antwortete fest. “Ich schwöre dir bei allem, das mir heilig ist, ich weiß es wirklich nicht. Du musst mir glauben. Ich habe doch gerade erst erfahren, dass er überhaupt am Leben ist.”

Colin kicherte. “Rate warum... ! Zudem hättest du nicht perfekter reagieren können. Dein Kontakt nach L.A. hat uns auf eine Fährte gebracht, die bis dahin unter unserem Radar verlaufen war.”

Chase presste die Lippen zusammen und sah Charlotte an, die seinem Blick verständnislos, aber voller Angst und Sorge begegnete.

“Was wollt ihr dann noch von mir? Was wollt ihr von ihm?”

Colin schüttelte abschätzig den Kopf. “Das hat dich nicht zu interessieren. Nur so viel - du tust deinem Land einen Gefallen, wenn du dich auf unsere Seite schlägst.”

“Mein Land würde niemanden mit seinem entführten Kind erpressen, oder eine unschuldige Frau bedrohen.” Er biss sich auf die Zunge. Die Leute zu verärgern, würde alles nur noch schlimmer machen.

“Witzig,” ließ sich Charles aus dem Hintergrund vernehmen. “Aus dieser Perspektive erscheint es immer ungerecht. Denk daran, wenn du das nächste Mal auf der anderen Seite stehst.”

“Schluss mit den Belehrungen,” zischte Colin, der mit seiner Geduld am Ende angelangt war. “Für moralische Betrachtungen ist später noch genügend Zeit.”

Er lehnte sich drohend vor. “Leugne nicht, dass du mehr weißt, als du zugibst. Ich empfehle dir also noch einmal scharf nachzudenken, sonst... “. Er nickte knapp und zwei der Männer legten ihre Gewehre auf Charlotte an, während ein plötzlich hervorgezogenes Messer der schlafenden Angela an die Kehle gehalten wurde.”

Pure Verzweiflung drängte jeden vernünftigen Gedanken in den Hintergrund und Chase begann zusammenhanglose Wörter hervorzustoßen. “Nein, bitte... ich verspreche, ich tue alles.... alles, das nötig ist, ich schwöre es... , nur... , bitte... “.

“Das reicht nur noch nicht. Eventuell müssen wir dir demonstrieren, wie ernst wir es meinen. Vielleicht fangen wir mit dem kleinen Finger dieses süßen Lockenkopfes an.”

Er strich Angela über das Haar, worauf sie im Schlaf zusammenzuckte. “Ich bin sicher, wenn sie erst vor Schmerzen schreit, werden die Informationen aus dir heraussprudeln, wie ein Wasserfall.”

In diesem Moment erwachte Charlotte aus ihrer Lethargie.

“Du Bastard, du Unmensch, du Ungeheuer... !”  Ein Schluchzen erstickte ihre Worte.

“Wage es nicht, ihr etwas anzutun! Wenn du einen Finger abschneiden willst, dann nimm meinen, mein Herz hast du schon entzwei geschnitten!”

“Wie edel von dir,” mokierte sich Colin. “Aber eigentlich kein Wunder bei jemandem, der seinem unerfüllbaren Traum nach trautem Heim mit Kindersegen so mitleiderregend fanatisch hinterher jagt.”  Er sah auf sie herab mit der ganzen Verachtung, die sich seit dem Tag ihres Kennenlernens in ihm angestaut hatte, bis sie, am Boden zerstört, in sich zusammensackte. “Bitte Colin,” flehte sie. “Bitte verschone das Kind!”

Colin bückte sich zu ihr nieder, hob ihr Kinn mit zwei Fingern empor und zwang sie seinen Blick zu ertragen.

“Das würde dir wohl gefallen!” In einer einzigen fließenden Bewegung ließ er sie los, wandte ihr den Rücken zu, und versetzte Chase einen schmerzhaften Tritt gegen das Schienbein, als wollte er ihn wieder zur Besinnung bringen.

“Ende der Schonzeit,” bellte er. “Die Kleine verliert erst ihren Finger, und dann ihr Leben! Calvin... !”

Der finstere Mann senkte sein Messer, bis es sich in Höhe der kleinen Hand befand, die ihren gelben Stoffhasen umklammert hielt.

Chase glaubte den Verstand zu verlieren. Er zerrte in Panik an den Stricken, die sich in sein Fleisch bohrten, er war blind vor Tränen, flehte erbärmlich, schwor jeden Schwur, der ihm in den Sinn kam und wusste doch mit glasklarer Sicherheit, dass es zu diesem Zeitpunkt für Colin unvermeidlich sein würde, ein Zeichen zu setzen.

Mit jeder Faser seines Herzens sehnte er sich danach das kleine Mädchen, das nur wenige Schritte von ihm entfernt war, in die Arme zu nehmen, zu halten und niemals wieder los zu lassen.

Und dann... .

War es das unerträgliche Gefühl der Ohnmacht, das ihn halluzinieren ließ, oder gaukelte ihm seine Phantasie Bilder vor, die er sich unbewusst herbeisehnte?

Der Mann, der Angela in den Armen hielt, verzog mit einem Mal sein Gesicht in einen Ausdruck der Verblüffung. Das Messer entglitt ihm, und Chase schrie auf, als er in die Knie sackte, das Kind immer noch sicher in seinen Armen. Die Luft war von einem Augenblick zum  anderen erfüllt mit ohrenbetäubenden Geräuschen, von denen Chase kein einziges wahrnahm.  Er beobachtete Uniformierte, die sich wie in Zeitlupe ihren Weg durch Türen und Fenster bahnten. Staub und Qualm wirbelte durcheinander. Es musste eine Explosion gegeben haben und dann wurde es auf einen Schlag taghell. Chase sah einige der Entführer, die ihm bisher als undeutliche Schattenwesen erschienen waren, in grellem Scheinwerferlicht zu Boden sinken, andere ließen ihre Waffen fallen, und hoben in einer resignierenden Gebärde die Hände.

Charlotte kauerte auf der Erde, Angela weinte herzzerreißend. Auf einmal spürte Chase, dass sich seine Fesseln, wie durch ein Wunder lockerten, er riss sich mit der Kraft der Verzweiflung los, kippte nach vorne, landete unsanft auf den Knien, krabbelte auf allen Vieren auf sein Kind zu, entriss es dem steifen Körper des Kidnappers, umschlang es mit beiden Armen, barg sein Gesicht in den weichen Locken und flüsterte erstickte, unverständliche Worte. “Es ist alles gut, alles ist gut. Daddy hat dich ja, Daddy ist hier... “ stammelte er atemlos.

Langsam rückte die Welt wieder in sein Bewusstsein, eine Hand, die beruhigend auf seiner Schulter lag, jemand der nun auch an seinem Beinfesseln herum nestelte, bis sie endlich gelöst waren, der Lärm, der, nachdem er doch eingesetzt hatte, schließlich nachließ, bis von ihm nur noch ein konstantes, unterschwelliges Dröhnen übrig blieb. Er nahm wahr, dass Angelas Schluchzen sich beruhigt hatte, dass sie sich in seine Arme kuschelte und sanft atmete, und er  überwand sich seinen Griff nur ein wenig zu lockern und platzierte einen Kuss auf ihrer Stirn.  Durch einen Tränenschleier erkannte er Charlotte, der eine Decke um die schmalen Schultern gelegt worden war, und die mit weit aufgerissenen Augen und zitternden Lippen auf ihn zu taumelte, unzureichend gestützt von einem der Fremden, die, wie er nun erkannte, in den Farben einer privaten Sicherheitsfirma gekleidet waren, genauer gesagt, in den Uniformen der Firma, für die sowohl Tony, als auch Michelle mittlerweile in Los Angeles tätig waren. Charlotte kniete sich neben ihn und Angela auf die Erde und umarmte beide mit aller Kraft, die ihr geblieben war.

Der graue Dunst begann  abzuziehen, wurde vertrieben von der kalten Nachtluft, die nun ungehindert eindrang. Chase merkte, wie er fröstelte, der Händedruck auf seiner Schulter verstärkte sich, und als er aufsah, blickte er in Erin Driscolls dunkle, klare Augen.

“Mr. Edmunds, da werden Sie mir aber noch einiges zu erklären haben.”

Ihr Gesicht verlor die Strenge, als Mr. Wayans aus der Dunkelheit zu ihnen trat.

“Die Sanitäter warten bereits auf sie, Chase. Vor allem sollten sie sich und ihre kleine Familie erst einmal gründlich untersuchen lassen.” Er zwinkerte Erin zu, deren leichtes und völlig untypisches Erröten, trotz der Finsternis gut auszumachen war. “Der Bericht kann doch mit Sicherheit warten, nicht wahr, Kollegin?”

“Natürlich Mike.” Sie schluckte und fügte dann hinzu: “Ich werde dafür sorgen, dass so schnell wie möglich auch ein Kinderarzt auf dem Weg ist.”

“Danke Erin...,” Chase stockte, die Worte drohten in seiner Kehle stecken zu bleiben. “Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was sie getan haben... , dass sie mir geglaubt haben... “.

Erin lächelte ihm zu, zum ersten Mal, seitdem er sie kennen gelernt hatte.

“Ohne ihre Geistesgegenwart, ihre Entscheidung mit ihren Hinweisen zu mir zu kommen, und ohne ihren Sender hätten wir keinerlei Anhaltspunkte gehabt. Stellen Sie ihr Licht nicht unter den Scheffel!”

Chase neigte abwehrend den Kopf. “Ich habe komplett versagt, in jeder Hinsicht. Eigentlich ist alles meine Schuld. Sie wissen ja noch nicht... “.

Ein Gedanke durchschoss ihn wie ein Blitz. “Wo ist er? Wo ist Colin, mein Schwager?”

Charlotte blickte seufzend auf, und bemühte sich dann liebevoll Angela aus seiner Umarmung zu lösen, während er sich aufrichtete und seinen Blick suchend umherschweifen ließ.

Seine Aufmerksamkeit verweilte bei den Männern, die mit Handschellen versehen und abgeführt wurden, sich offensichtlich ohne Schwierigkeiten oder Widerspruch in ihr Schicksal fügten, doch konnte er Colin unter ihnen nicht entdecken.

Erin wandte sich an Mike. “Haben wir ihn?”

Mr. Wayans schüttelte nur den Kopf und deutete auf eine Kolonne schwarzer Wägen, die sich, gefolgt von einem Transporter mit der Aufschrift ‘National Security’, ihrem Aufenthaltsort näherte. Etwas unsicher auf den Beinen folgte Chase seinen beiden Vorgesetzten ins Freie, seinen Arm leicht um Charlotte gelegt, die mittlerweile wieder festen Schrittes und erhobenen  Hauptes gewillt war, ihre Nichte an die frische Luft zu bringen.

Die Fahrzeuge hielten mit quietschenden Bremsen. Noch bevor sie vollständig zum Stehen gekommen waren, stiegen unverkennbare Agenten, in schwarzen gepflegten Anzügen, mit verräterischen Ausbuchtungen an den Stellen, an denen in der Regel eher unauffällig ihre Waffen untergebracht waren, eilig aus. Sie liefen zielsicher auf die Festgenommenen zu und verwickelten den Leiter des privaten Sicherheitsteams in ein nicht unbedingt freundliches Gespräch, in dessen Verlauf mehrere Schriftstücke vor ihm ausgebreitet wurden.

“Das ist doch nicht, was ich denke?” Erin sah hilfesuchend zu Mike auf, der müde mit den Schultern zuckte. “Das ist doch nicht möglich,” brauste sie auf. “Hier ist fraglos der Tatbestand  einer Entführung mit krimineller Absicht gegeben, abgesehen davon, dass ein Kind und eine unschuldige Frau involviert sind.”

Mike strich ihr zärtlich über die Wange, eine Geste, die, trotz allem, bei Chase ein Hochziehen der Augenbrauen bewirkte, als er sie aus den Augenwinkeln wahrnahm.

“Ich habe dir doch gesagt, dass die Fäden sich weiter nach oben spinnen lassen, als du und ich uns vorstellen wollen.”

“Was soll das heißen?” Bemerkungen, die Colin zuvor hatte fallen lassen, sanken in Chases Bewusstsein ein und verwandelten sich in Erstaunen, in Unglauben, und schließlich in blanke Wut. “Ich verstehe das nicht,” presste er drohend hervor.

Mike richtete sich auf und sah ihm fest in seine Augen, in denen der Zorn aufloderte.

“Hör mir gut zu, Chase. Ich werde das nur einmal sagen, und du wirst keine andere Möglichkeit haben, als die Tatsachen zu akzeptieren. Die Sache ist gerade noch einmal gut für dich ausgegangen, aber wir wissen alle, dass das nicht die Regel sein muss.”

Er atmete schwer aus, versuchte seine Selbstbeherrschung zu bewahren. “Diese Leute... ,” er zögerte. “Dein Schwager ist geschützt, seine Verbindungen reichen in eine Sphäre hinein, die ihn unantastbar macht, zumindest für uns. Was seine Auftraggeber mit ihm machen, wenn er sie brüskiert, was hier fraglos der Fall gewesen ist, das ist eine ganz andere Frage. Ich vermute sehr stark, dass wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen werden. Was seine Leute angeht... ,“ er deutete auf die Männer, die dabei waren, gehorsam den Transporter zu besteigen. “Sie werden der Form halber für eine Nacht in Gewahrsam bleiben, aber man wird keine Maßnahmen gegen sie anstrengen.”

Chase öffnete und schloss fassungslos den Mund. “Angela... ,” brachte er hervor.

Mike legte ihm schwer die Hände auf die Schultern, seine Stimme wurde leiser.

“Wir sind hier in Washington, dem Sitz der Regierung, Zentrum des Landes. Doch die Macht liegt auf einer anderen Ebene. Es sind Schattenmänner, Gestalten aus Wirtschaft und Politik, die die Geschicke unserer Nation steuern, perfekt verborgen im Hintergrund, lassen sie die Puppen nach ihrem Geschmack tanzen, unerreichbar sogar für diejenigen, die in ihrem Auftrag handeln.”

“Ich kann nicht... “.

“Glaub es mir, Junge. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Der einzige Weg Chaos und Anarchie zu vermeiden, liegt darin diese Tatsache zu akzeptieren und sie nicht in Frage zu stellen oder sich dagegen aufzulehnen. Manche Dinge lassen ihren Sinn nur im großen Zusammenhang  erkennen. Und dann... ,” er blickte an Chase vorbei. “Für die eigene Sicherheit, und vor allem anderen, für die derer, die wir lieben, bleibt uns nichts anderes übrig, als loszulassen.”

Chase wandte sich um, folgte seinem Blick, bis er an einer bekannten Gestalt im Schatten hängen blieb. Ein Laut entrang sich seiner Kehle, und er warf sich nach vorne, nur um von kräftigen Armen zurück gehalten zu werden.

“Für die Sicherheit derer, die wir lieben,” wiederholte Mike und drehte ihn zur Seite, bis sein Blick auf Angela fiel, die immer noch von Charlotte gehalten wurde, von seiner Schwester, die ihn mit großen Augen anstarrte.

Chase biss die Zähne zusammen, nickte Mike zu um ihm zu signalisieren, dass er ruhig bleiben würde, während sein hasserfüllter Blick dem Mann folgte, der unauffällig in den vordersten der Regierungswägen einstieg und die Tür mit einem knallenden Geräusch, das Endgültigkeit verhieß, schloss.

Erst jetzt machte er sich mit einem Ruck von Mike los, würdigte weder ihn, noch Erin eines Blickes und eilte auf seine Familie zu, umschlang die beiden, bedeckte sie abwechselnd mit Küssen und wisperte: “Niemals, niemals werden wir so leben. Niemals, solange ich es verhindern kann.” Und Angela legte die Arme um seinen Hals, und ihre Tränen trockneten, als sie ihr kleines Gesicht an seine Schulter schmiegte.  

* * *  

Zwei Tage später rollte ein schwer beladenes Auto gemächlich durch eine karge Landschaft. Fahrtwind zerzauste zwei dunkle und einen rotbraunen Haarschopf, sorgte dafür, dass die Hitze erträglich blieb, die Stunde für Stunde gnadenloser und erdrückender über der trockenen Erde    flimmerte, je weiter sie sich in Richtung Äquator bewegten.

Die Mittagssonne glühte inmitten eines wolkenlosen Himmels, ein riesiger Feuerball, der das Land, das sie durchquerten, verbrannt zurückließ, eine trostlose Steppe, die vibrierte, bis sie in der Ferne den Eindruck erweckte zu verdampfen. Eine Staubwolke folgte ihnen beharrlich, verwischte die Konturen an denen sie vorbeizogen, so dass ein Blick zurück, einem Blick durch eine graugelbe Wolke glich.

Und doch umspielte ein Lächeln Chases Mundwinkel, glitzerten seine Augen, wenn er den Kopf wand und den beiden Gestalten zuzwinkerte, die, eingepfercht zwischen zahllosen Gepäckstücken, die Augen verborgen hinter großen Sonnenbrillen, zurückstrahlten.

Was die Zukunft bringen würde, wusste keiner von ihnen, aber allein, dass die Vergangenheit überwunden und endgültig hinter ihnen lag, erfüllte sie mit tiefer Gelassenheit und unaussprechlicher Ruhe. Was oder wer auch immer ihnen auf ihrem Weg begegnen würde, welches Schicksal sie auch erwartete, Chase sah ihm ohne Angst entgegen.

Die Zeiten, in denen er sich hatte belügen und betrügen lassen, während derer er zu anderen aufgesehen, und deren Meinung über ihn sein Leben hatte bestimmen lassen, war vorbei, versank Stück für Stück in den endlosen Nebeln der Vergessenheit.

Wie eine steile Insel ragte aus dem Dunst das Einzige empor, dass für ihn von Bedeutung war und immer von Bedeutung sein würde, und er wusste, dass er, um es zu beschützen, seinen eigenen Weg finden und einschlagen musste. Die Aufgabe, die sich ihm stellte, lag klar und deutlich vor ihm ausgebreitet, erstreckte sich, wie sein Leben grenzenlos über die ausgetrocknete Erde hinweg bis zum Horizont, um dort in der Ferne mit der Unendlichkeit des Himmels zu verschmelzen.

Es fing alles gerade erst an.  

Ende

         

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